Online Coaching ist mehr als Zoom: Warum digitale Beratung einen eigenen Methodenraum braucht
Eine Kamera.
Ein Mikrofon.
Zwei Menschen auf einem Bildschirm.
Ist das schon Online Coaching?
Natürlich kann Coaching über eine Videokonferenz stattfinden.
Ein gutes Gespräch bleibt ein gutes Gespräch, unabhängig davon, ob sich zwei Menschen in einem Beratungsraum oder über einen Bildschirm begegnen.
Doch wenn wir Online Coaching ausschließlich als Videokonferenz verstehen, übertragen wir nur einen Teil professioneller Coachingarbeit in den digitalen Raum.
Denn Coaching besteht häufig aus mehr als Gespräch.
In Präsenz arbeiten Coaches mit:
Figuren
Karten
Flipcharts
Systembrettern
Bodenankern
Aufstellungen
Arbeitsblättern
Notizen
Skalierungen
und vielen weiteren Methoden.
Warum sollte all das verschwinden, nur weil das Coaching online stattfindet?
Eine Videokonferenz digitalisiert das Gespräch
Videokonferenzsysteme lösen ein wichtiges Problem.
Sie ermöglichen, dass Menschen miteinander sprechen können, obwohl sie sich an unterschiedlichen Orten befinden.
Für viele Coachingprozesse kann das bereits ausreichend sein.
Doch eine Videokonferenz beantwortet zunächst nur die Frage:
Wie können wir miteinander kommunizieren?
Professionelles digitales Coaching stellt weitere Fragen:
Wie können wir gemeinsam arbeiten?
Wie visualisieren wir komplexe Situationen?
Wie stellen wir Beziehungen räumlich dar?
Wie halten wir Erkenntnisse fest?
Wie greifen wir frühere Ergebnisse wieder auf?
Wie begleiten wir einen Prozess zwischen zwei Sitzungen?
Genau hier beginnt der Unterschied zwischen einer reinen Videokonferenz und einem digitalen Coachingraum.
Der physische Coachingraum ist voller Methoden
Stellen wir uns einen klassischen Coachingraum vor.
Dort stehen vielleicht:
ein Flipchart
ein Whiteboard
ein Systembrett
eine Box mit Figuren
mehrere Kartensets
Moderationskarten
Stifte
Arbeitsblätter.
Der Coach entscheidet im Prozess, was davon hilfreich sein könnte.
Vielleicht beginnt die Sitzung mit einem Gespräch.
Dann entsteht spontan die Idee:
„Stellen Sie die Situation doch einmal auf.“
Oder:
„Welche dieser Karten beschreibt Ihre Situation?“
Oder:
„Schreiben wir die beiden Werte einmal auf und legen sie einander gegenüber.“
Die Methode entsteht aus dem Prozess.
Beim Wechsel ins Online Coaching passiert jedoch häufig etwas Merkwürdiges.
Der gesamte Methodenraum verschwindet.
Übrig bleibt:
die Videokonferenz.
Das muss nicht so sein.
Vom Videokonferenzraum zum digitalen Methodenraum
Ein digitaler Coachingraum kann mehr sein als eine technische Verbindung zwischen zwei Menschen.
Er kann selbst zum Arbeitsraum werden.
Figuren können Beziehungen darstellen.
Moderationskarten können Werte und Themen sichtbar machen.
Bilder können Ressourcen symbolisieren.
Ringe können Zugehörigkeiten markieren.
Wände können Grenzen darstellen.
Journale können Reflexion zwischen den Sitzungen begleiten.
Die zentrale Idee lautet:
Nicht nur das Gespräch wird digital. Auch die methodische Arbeit bekommt einen digitalen Raum.
Beispiel: Ein Konflikt im Führungskräftecoaching
Eine Führungskraft beschreibt einen Konflikt mit einer langjährigen Mitarbeiterin.
Im Gespräch entsteht folgendes Bild:
Die Führungskraft erlebt sich selbst als agil, flexibel und schnell.
Die Mitarbeiterin wird als sicherheitsorientiert, erfahren und verlässlich wahrgenommen.
Nun könnte der Coach einfach weiterfragen.
Oder die Situation wird sichtbar gemacht.
Die Führungskraft wählt für sich eine Schachfigur:
den Springer.
Für die Mitarbeiterin wählt sie:
die Königin.
Mit Moderationskarten wird ein Werte und Entwicklungsquadrat ausgelegt.
Auf der einen Seite:
Sicherheit
Auf der anderen:
Risikobereitschaft
Darunter die möglichen Übertreibungen:
ängstliche Vermeidung
und
Leichtsinn.
Nun steht der Konflikt nicht mehr nur im Gespräch.
Er steht im Raum.
Die Führungskraft wechselt anschließend die Position und betrachtet die Situation aus der Perspektive der Mitarbeiterin.
Plötzlich wirkt der eigene Springer anders.
Was sich aus der eigenen Perspektive wie Agilität anfühlt, kann von dort aus wie Sprunghaftigkeit oder Leichtsinn wirken.
Und die Mitarbeiterin?
Vielleicht ist ihr Wunsch nach Sicherheit nicht einfach Widerstand gegen Veränderung.
Vielleicht erfüllt sie im Unternehmen eine wichtige Funktion:
dafür zu sorgen, dass bei aller Agilität die Pferde in sicheren Tüchern bleiben.
Das ist mehr als eine Videokonferenz.
Der digitale Raum wird Teil der Intervention.
Digital bedeutet nicht: Präsenz möglichst genau kopieren
Die naheliegende Idee wäre, alle Methoden aus dem physischen Coachingraum möglichst exakt digital nachzubauen.
Doch das greift zu kurz.
Ein digitaler Raum hat eigene Möglichkeiten.
Eine Aufstellung kann gespeichert und später wieder aufgenommen werden.
Eine Klientin kann zwischen zwei Sitzungen reflektieren.
Ein früherer Zustand kann mit einem späteren verglichen werden.
Eigene Bilder können in den Prozess eingebunden werden.
Methoden können miteinander kombiniert werden.
Räumliche Situationen können aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.
Digitales Coaching sollte deshalb nicht nur fragen:
„Wie kopieren wir Präsenz?“
Sondern:
„Was wird im digitalen Raum zusätzlich möglich?“
Ein Coachingprozess besteht nicht nur aus Sitzungen
Viele Coachingangebote werden organisatorisch so gedacht:
Termin.
Videokonferenz.
Ende.
Nächster Termin.
Doch Entwicklung findet auch dazwischen statt.
Eine Erkenntnis arbeitet weiter.
Ein Konflikt tritt erneut auf.
Eine Person beobachtet ein eigenes Muster.
Eine Entscheidung verändert sich.
Ein Wert wird im Alltag plötzlich spürbar.
Digitale Journale können solche Beobachtungen aufnehmen.
Ein Coachingprozess kann dadurch eine Verbindung schaffen zwischen:
der Sitzung
dem Alltag
der Reflexion
und der nächsten Sitzung.
Online Coaching wird damit nicht nur ortsunabhängig.
Es kann auch prozessualer gedacht werden.
Der Coach braucht Methodenfreiheit
Eine Gefahr digitaler Coachingsoftware besteht darin, dass die Software vorgibt, wie Coaching stattfinden soll.
Es gibt Methode A.
Methode B.
Methode C.
Der Coach wählt eine aus und folgt dem vorgesehenen Ablauf.
Professionelle Coachingarbeit funktioniert jedoch häufig anders.
Coaches kombinieren Methoden.
Sie verändern Vorgehensweisen.
Sie entwickeln eigene Interventionen.
Sie reagieren auf das, was im Prozess entsteht.
Deshalb braucht ein digitaler Methodenraum auch offene Werkzeuge.
Eine Moderationskarte ist keine Methode.
Aber mit vier Moderationskarten kann ein Werte und Entwicklungsquadrat entstehen.
Oder eine Entscheidungsmatrix.
Oder eine Timeline.
Oder ein selbst entwickeltes Modell.
Eine Figur ist keine Methode.
Aber sie kann eine Führungskraft repräsentieren.
Eine Mitarbeiterin.
Einen inneren Anteil.
Eine Organisation.
Oder ein Ziel.
Die Methode entsteht durch die professionelle Anwendung.
Nicht alles braucht ein digitales Tool
Bei aller Begeisterung für digitale Methoden gilt:
Nicht jede Intervention muss visualisiert werden.
Nicht jede Sitzung braucht ein 3D Systembrett.
Nicht jedes Thema braucht ein Journal.
Und nicht jede Frage braucht ein digitales Werkzeug.
Manchmal ist ein Gespräch genau das Richtige.
Manchmal ein Whiteboard.
Manchmal eine Aufstellung.
Die Qualität professioneller digitaler Beratung zeigt sich deshalb nicht daran, möglichst viele Funktionen einzusetzen.
Sie zeigt sich auch darin, das passende Werkzeug nicht einzusetzen, wenn es nicht gebraucht wird.
Was sollte eine professionelle Online Coaching Umgebung ermöglichen?
Eine digitale Coachingumgebung kann unterschiedliche Ebenen verbinden:
Kommunikation
Coach und Klient müssen sicher miteinander sprechen können.
Methodische Arbeit
Visuelle und räumliche Methoden sollten dort möglich sein, wo sie dem Prozess dienen.
Dokumentation
Relevante Informationen und Ergebnisse sollten strukturiert weiterverwendet werden können.
Prozessbegleitung
Reflexion kann auch zwischen Sitzungen stattfinden.
Methodenfreiheit
Coaches sollten eigene Vorgehensweisen und Materialien integrieren können.
Datenschutz
Vertrauliche Coachingprozesse benötigen eine angemessene technische und organisatorische Grundlage.
Nicht jede Coachin und jeder Coach braucht jede dieser Funktionen.
Aber professionelle Online Coaching Plattformen sollten mehr beantworten als die Frage:
„Können wir uns sehen und hören?“
Die Zukunft des Online Coachings ist nicht die bessere Videokonferenz
Videokonferenzen werden weiterhin ein zentraler Bestandteil von Online Coaching sein.
Aber die spannendere Entwicklung liegt woanders.
In digitalen Räumen, die nicht nur Kommunikation ermöglichen.
Sondern:
Interaktion.
Visualisierung.
Reflexion.
Methodenarbeit.
Perspektivwechsel.
Prozessbegleitung.
Die Frage der Zukunft lautet deshalb nicht:
Welche Videokonferenzsoftware hat die beste Kameraqualität?
Sondern:
Wie gestalten wir digitale Räume, in denen professionelle Beratung ihre methodische Vielfalt behalten und weiterentwickeln kann?
Genau an dieser Frage arbeiten wir mit coachingspace.
Häufige Fragen zu Online Coaching und Videokonferenzen
Ist eine Videokonferenz ausreichend für Online Coaching?
Für viele Gesprächsformate kann eine Videokonferenz ausreichend sein. Wenn Coaches zusätzlich mit Aufstellungen, Figuren, Coachingkarten, Journals oder anderen Methoden arbeiten möchten, können spezialisierte digitale Werkzeuge den Prozess erweitern.
Was ist eine Online Coaching Plattform?
Eine Online Coaching Plattform kann neben Videokommunikation weitere Funktionen für Coachingprozesse bereitstellen, beispielsweise Klientenverwaltung, digitale Methoden, Dokumentation oder Reflexionsmöglichkeiten zwischen Sitzungen.
Was unterscheidet Online Coaching von einem normalen Videocall?
Der Unterschied liegt nicht zwingend in der Technologie des Gesprächs, sondern in der professionellen Gestaltung des Coachingprozesses. Online Coaching kann neben dem Gespräch auch methodische Arbeit, Visualisierung und Prozessbegleitung umfassen.
Braucht gutes Online Coaching viele digitale Tools?
Nein. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Werkzeuge, sondern ihre Passung zum Coachingprozess.
Können Präsenzmethoden online eingesetzt werden?
Viele Methoden können digital übertragen oder für den digitalen Raum weiterentwickelt werden. Dazu gehören beispielsweise Systembrettarbeit, Aufstellungen, das Innere Team, Wertearbeit und Coachingkarten.
Fazit: Online Coaching beginnt dort, wo wir den digitalen Raum ernst nehmen
Eine Videokonferenz kann ein hervorragender Ort für ein Coachinggespräch sein.
Aber professionelles Coaching besteht häufig aus mehr als Gespräch.
Es lebt von Fragen.
Von Bildern.
Von Positionen.
Von Beziehungen.
Von Reflexion.
Von Methoden.
Und manchmal davon, etwas tatsächlich vor sich zu sehen, das vorher nur schwer in Worte zu fassen war.
Deshalb glauben wir:
Online Coaching sollte nicht versuchen, ein physisches Beratungszimmer möglichst schlecht über einen Bildschirm zu imitieren.
Es sollte die Möglichkeiten des digitalen Raumes nutzen.
Eine Videokonferenz digitalisiert das Gespräch.
Ein digitaler Methodenraum kann den Coachingprozess erweitern.
Und genau dort beginnt für uns die spannendste Entwicklung im Online Coaching.



