Wer mit Genogrammen arbeitet, kennt den Moment, in dem das Bild fertig ist und die Klientin mit etwas Abstand auf ihre Familie schaut. Dieser Blick von außen zeigt Zusammenhänge, die beim Erzählen leicht untergehen. Er hält sie aber auch in der Rolle der Betrachterin: Manches versteht sie dann eher, als dass sie es spürt. In meinem neuen Video zeige ich, wie du in coachingspace einen Schritt weitergehst: Du lädst das Genogramm als eigene Karte in die Positionierungskarten und begehst es im virtuellen 3D-Raum.
Was bedeutet es, ein Genogramm zu begehen?
Das Genogramm gehört seit Murray Bowen zum Handwerkszeug der Mehrgenerationenperspektive. Es zeigt auf einen Blick, wo in einer Familie Nähe und Brüche liegen und welche Ereignisse sich über Generationen wiederholen.
Begehen heißt, dieser Übersicht eine zweite Position an die Seite zu stellen. Steht eine Figur auf dem eigenen Symbol im Genogramm und die Klientin wechselt in ihre Innenperspektive, dann schaut sie aus dieser Figur heraus auf ihre Familie. Sie sieht, wer in ihrem Blickfeld liegt und wer eher in ihrem Rücken steht. Mit den Wahrnehmungspositionen nach John Grinder und Judith DeLozier gesprochen: Die eigene Figur ist die erste Position, die Figur eines Familienmitglieds die zweite, der Blick von oben auf das ganze Genogramm die dritte, beobachtende Position. Eine Wiederholung über Generationen, etwa dass die Töchter immer wieder früh Verantwortung für ihre Eltern übernommen haben, lässt sich so aus der Position jeder dieser Frauen nachempfinden.
Möglich wird das, weil Genogramm und Positionierungskarten in coachingspace auf derselben Plattform liegen, mit der integrierten Videokonferenz daneben. Du brauchst dafür beide Werkzeuge, also das Paket mit allen Tools oder Genogramm und Positionierungskarten zusammen als Premium-Tools.
Wie kombinierst du Genogramm und Positionierungskarte?
Im Video siehst du den ganzen Weg in knapp zwei Minuten am Bildschirm:
Die Schritte im Einzelnen:
Erstelle das Genogramm im Genogramm-Werkzeug von coachingspace, das in Kooperation mit GenoEasy entstanden ist, gern live mit deiner Klientin.
Lade das fertige Genogramm über den Export unten rechts herunter.
Lege bei den Positionierungskarten eine neue Karte an, wähle „Eigene Karte“, lade das Genogramm über den Button hoch und entscheide dich für die 3D-Variante auf dem Tisch.
Starte die Karte. Dein Genogramm liegt jetzt im Raum, und dir stehen die Figuren zur Verfügung.
Stelle Figuren als Stellvertreter auf die Personen, die für das Anliegen wichtig sind, und gib ihnen einen Namen und eine Blickrichtung.
Wechsle in die Innenperspektive einer Figur. Deine Klientin kann selbst hineingehen, oder du lädst sie über „Perspektive teilen“ ein, deinen Blick einzunehmen.
Welche Fragen und Methodenideen passen dazu?
Ein ruhiger Anfang ist der eigene Platz. Die Klientin stellt ihre Figur auf ihr Symbol, geht in die Innenperspektive und beschreibt, was sie sieht, bevor irgendetwas gedeutet wird. Fragen im Präsens holen sie dabei in die Szene hinein: „Was siehst du von hier aus, und wen spürst du eher im Rücken?“ Taucht ein vertrautes Gefühl auf, hilft es, dieses Gefühl von der aktuellen Szene zu trennen: „Woher kennst du dieses Gefühl, und seit wann?“
Fällt im Genogramm eine Wiederholung auf, kann die Klientin sie abschreiten. Jede beteiligte Person bekommt eine Figur, und die Klientin geht von der ältesten Generation bis zu sich selbst nacheinander in deren Innenperspektive, jeweils mit der Frage, was diese Person an ihrem Platz vielleicht gebraucht hätte. Zum Schluss kehrt sie in ihre eigene Figur zurück, denn handeln kann sie nur von dort aus: „Wenn du jetzt auf deine Großmutter schaust, was ist anders als vorhin?“
Auch Aufträge im Sinne von Helm Stierlins Delegationskonzept lassen sich sichtbar machen, etwa mit einer Figur und dem Namensschild „Halte alles zusammen“ neben der Person, von der dieser Auftrag stammt. Über die Größe der Figur kommt ihr ins Gespräch darüber, wie viel Raum der Auftrag heute einnimmt und wie viel er einnehmen darf.
Ein ausgedachtes, aber typisches Beispiel: Eine Klientin kommt mit dem Gefühl, in ihrer Familie immer die Vermittlerin zu sein. Im Genogramm wird deutlich, dass auch ihre Mutter und ihre Großmutter zwischen zerstrittenen Geschwistern standen. In der Innenperspektive der Großmutter bemerkt sie, dass sie von dort vor allem die anderen im Blick hat und kaum jemanden, der auf sie selbst schaut. Zurück in ihrer eigenen Figur dreht sie die Blickrichtung ein Stück zur Seite. Daraus entsteht das Gespräch darüber, was es für sie hieße, nicht jedes Mal in die Mitte zu gehen.
Worauf solltest du achten?
Genogrammarbeit berührt oft Belastendes, und die Innenperspektive verstärkt das Erleben noch. Deshalb gehört das Begehen eher in eine spätere Sitzung als ins Erstgespräch, und es braucht eine klare Auftragsklärung. Was die Klientin aus der Figur ihres verstorbenen Großvaters wahrnimmt, bleibt eine Hypothese aus ihrem eigenen Erleben, kein Wissen über ihn. Wird es zu viel, holt der Wechsel zurück in die Ansicht von außen Abstand, und von dort benennt ihr gemeinsam, was sich gezeigt hat. Bei akuter Traumatisierung gehört diese Arbeit in einen therapeutischen Rahmen.
Ein Genogramm enthält sensible Daten, auch über Angehörige, die nie gefragt wurden. Vornamen oder Kürzel reichen für das Begehen meist aus, und die heruntergeladene Datei löschst du am besten, sobald sie als Karte hochgeladen ist.
Funktioniert das auch in Präsenz?
Ja. Sitzt du mit deiner Klientin im selben Raum, öffnest du coachingspace auf dem Laptop oder einem größeren Bildschirm, und ihr begeht das Genogramm gemeinsam. Die Innenperspektive öffnet dann einen Blick, den das Genogramm auf Papier nicht bietet.
Herzlich,
Benjamin



