Das Online-Systembrett im Coachingspace: Ganz im Sinne der Erfinder

Wie wir in einem früheren Beitrag bereits ausgeführt haben, müssen in unseren Augen insgesamt vier Voraussetzungen gegeben sein, um erfolgreiche, professionelle Online-Beratung anbieten zu können. Neben Datenschutz und Wohlfühlatmosphäre sind das digitale Coachingtools, wie z.B. unser Online-Systembrett, mit dem man auf Coachingspace in seinem eigenen Beratungszimmer arbeiten kann.

Was sagen die beiden Erfinder zu unserem Online-Systembrett?

Wir haben mit den beiden Erfindern des Familienbretts, Ulrich Wilken und Kurt Ludewig über Chancen und Risiken von Online-Beratung gesprochen und ihnen unsere digitale Version des Systembretts gezeigt. Einige Auszüge unseres Gesprächs dürfen wir hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen:

Coachingspace: Welchen Chancen aber auch welche Herausforderungen sehen Sie darin, mit der virtuellen Variante zu arbeiten?

Kurt Ludewig: Erstmal haben Sie auf Coachingspace eine ansprechende digitale Version geschaffen, die gerade zur jetzigen Zeit im Jahr 2020 der verhinderten realen Begegnungen aber auch darüber hinaus einen Umgang mit diesem Verfahren bietet, der möglichst nahe am gegenständlichen Original ist. Ich habe diese digitale Version mit einem Probanden verwendet und dabei festgestellt, dass man auch mit diesem Medium intensiv und realitätsnahe über menschliche Beziehungen arbeiten kann.

Ulrich Wilken: Die virtuelle Variante bringt in meinen Augen zudem die Möglichkeit, auch mit Klientensystemen in andere Orten zu arbeiten, oder gar in anderen Ländern.

Coachingspace: Welche großen Missverständnisse gibt es immer wieder im Gebrauch mit dem Familienbrett aus Ihrer Sicht?

Ulrich Wilken: Ein großes Missverständnis liegt bei manchen Benutzern darin, zu denken, dass die Aufstellung eine Form von Wirklichkeit abbildet und das die Aufstellung eine Bedeutung in sich trägt, die es zu erkennen gilt.

Coachingspace: Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, das Familienbrett / Systembrett zu entwickeln? Welche Idee steckte hinter der Idee?

Kurt Ludewig: Das Familienbrett entstand 1978 mit dem Ziel, komplexe Familiendynamiken mit Hilfe von Holzfiguren auf einem Brett diagnostisch abzubilden*. Es stellte sich aber rasch heraus, dass sein eigentlicher Zweck vielmehr darin lag, eine nachvollziehbare und nützliche Kommunikation über Beziehungen nicht nur mit Familien, sondern überhaupt mit sozialen Systemen zu ermöglichen.

Coachingspace: Welche typischen Fragen, wenn es solche gibt, stellen Sie gerne Klienten? Haben Sie eine bestimmte Vorgehensweise / Schrittigkeit?

Ulrich Wilken: Meine Eingangsfrage lautet immer: “Um mir ein besseres Bild zu machen möchte ich Sie bitten, dass Sie für jedes Familien-Teammitglied eine Figur auf dem Bett aufbauen, so wie Sie denken, dass Sie zueinander stehen”. Und danach: “Angenommen, dass Problem würde eine Weile ‘Urlaub’ machen: welchen Einfluss hätte das auf die Familie, Team etc.?”.

Coachingspace: Welche Bedeutung hat für Sie die Form und die Größe der Figuren?

Ulrich Wilken: Ich habe gelernt, dass, nachdem wir die Form und Größe an die Genogrammsymbole angelehnt hatten, die Form und Größe keine Bedeutung in sich tragen und immer wieder angefragt werden müssen. Das gleiche gilt für Blickrichtung und Entfernung. Es gab eine Aufstellung, in der die Familie sich und ihre zwei Kinder in die äußersten Ecken stellte. Nach einem anfänglichen Schreck – ich war damals erst 27 Jahre – erklärten sie mir, dass sie eine Familie sind, die stark zusammenhält und sich den größtmöglichen Freiraum geben! So kann es kommen…

(Das Interview mit Ulrich Wilken folgt in den nächsten Wochen als Video)

Uns haben die Gespräche mit beiden Pionieren der systemischen Beratung große Freude bereitet und konnten viele ihrer Verbesserungsvorschläge bereits einarbeiten. Sie waren z.B. auch Anlass, extra eine Original-Version des ursprünglichen Familienbretts in den Coachingspace zu integrieren – sehr zur Freude der beiden Erfinder.

Online-Systembrett im originalen Design aus den 70er Jahren
Das Systembrett im originalen Design aus den 70er Jahren – jetzt auch in seiner Online-Variante im Coachingspace

Der Umgang mit dem Online-Systembrett benötigt Übung und Schulung

Über eines waren wir uns jedoch auch alle einig: Unsere postulierte vierte Gelingensbedingung für erfolgreiche professionelle Online-Beratung sollte keinesfalls vergessen werden. Coaches und Berater:innen sollten darin geschult werden, wie sie den Mehrwert des Online-Settings auch adäquat nutzen und mit dessen Besonderheiten (wie z.B. die Zweidimensionalität und damit die Informationsreduktion) umgehen. Oder wie es Ulrich Wilken ausdrückte: “Das ‘analoge’ Systembrett legt man ja auch niemandem einfach unter den Weihnachtsbaum so nach dem Motto: Und jetzt mach mal!”.

Ganz im Gegenteil halten wir das Systembrett schon per se für eine sehr mächtig Methode, die nur von geschulten Berater:innen eingesetzt werden sollte. Durch die Möglichkeit, in unserer digitalen Variante in die Perspektive einer beliebigen Figur zu wechseln, bekommt die Methode – im wahrsten Sinne des Wortes – eine weitere, ganz neue Dimension. Das möchten wir unseren Nutzer:innen darum auch nicht “einfach so” in die Hände geben.

Kooperation mit Qualifire.Online und Workshop “Arbeit mit dem Online-Systembrett”

Um hier Angebote für interessierte Coaches, Berater:innen und Supervisor:innen zu schaffen, haben wir uns entschieden, gemeinsam mit qualifire.online – der Plattform für Online-Professionalität – zukünftig Schulungen und Workshops für den Umgang mit dem Coachingspace und seinen Tools anzubieten.

Für den ersten Workshop dieser Art konnten wir direkt Ulrich Wilken höchstpersönlich als Gastdozenten gewinnen. Dieser findet am 12. Februar von 16 bis 19 Uhr in Kooperation mit myndwerk statt – dem Netzwerk für systemische Beratung. Weitere Informationen und Anmeldung finden Sie auf der Qualifire-Seite und in folgendem Flyer.

Wir wünschen dabei viel Spaß und freuen uns über Ihr Feedback und weitere Verbesserungsvorschläge zu unserer digitalen Systembrett-Variante.

Auf bald, und kommen Sie gut ins nächste Jahr

Ihr Team von Coachingspace

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*vgl. Ludewig, K. & U. Wilken (Hrsg.): Das Familienbrett. Ein Verfahren für die Forschung und Praxis mit Familien und anderen sozialen Systemen. Göttingen (Hogrefe) 2000.

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